Viel ist passiert in den letzten Tagen in Sachen zu Guttenbergs Doktorarbeit. Dementsprechend ist die erste Frage, die sich mir stellt: „Wo anfangen?“ So vieles gibt es dazu anzumerken, dass die Versuchung groß ist, alles vielleicht nur anzudeuten und auch über wichtige Punkte nur hinweg zu wischen. Um das zu vermeiden, will ich die Punkte ansprechen, die meiner Meinung nach in dieser Debatte herausstechen und die ganzen kleinen Nebenschauplätze einfach weglassen.
Ein Wort ist immer wieder gefallen in den vergangenen Tagen. Das Wort heißt „Verantwortung“. Verantwortung für mein Tun übernehmen hieß für mich bisher immer, die „Suppe auszulöffeln, die ich mir selbst eingebrockt hatte“. Das beinhaltete, einen Fehler einzugestehen, sich zu entschuldigen, und den Schaden so weit als möglich wieder gut zu machen.
Seit einigen Monaten hat es sich aber eingebürgert, von „Verantwortung übernehmen“ zu sprechen, wenn jemand nach einem Fehltritt beliebiger Art sein Amt niederlegt und zurücktritt. Ich frage mich, wo in diesem Verhalten die Verantwortung übernommen wird. Mir erscheint das immer eher als ein „aus der Affäre ziehen“, Die einzige Konsequenz des Fehlverhaltens wird dadurch der Verlust des Amtes, keine Entschuldigung ist notwendig, die Kritik müssen andere ertragen, Schadensbegrenzung andere betreiben. Das ist keine Verantwortlichkeit das ist Feigheit.
Guttenberg dagegen hat Verantwortung übernommen. Er ist inzwischen von seinem Amt zurückgetreten. Aber er hat dies getan, nachdem er sich freiwillig – und das möchte ich betonen – den mitunter scharfen Fragen im Bundestag ausgesetzt hat, und dies, ohne sich selbst auf das Niveau seiner Angreifer herabzulassen. Er hat sich der Kritik gestellt, sein Handeln eingestanden und sich offen dafür entschuldigt. Erst nachdem dies erledigt war, nachdem der sprichwörtliche Teller Suppe leer war, ist er gegangen.
Allein das zeigt – allem Fehlverhalten zum Trotz – eine Größe, von der seine Widersacher nur träumen können.
Weiter stellt sich mir die Frage: Wo steht die Wissenschaft in diesem Szenario? Ist sie der große Leidtragende oder trägt sie am Ende die Hauptschuld an dieser Misere? Ich würde sagen, irgendwo dazwischen. Ja, ehrlich arbeitende Wissenschaftler fühlen sich zu recht verhöhnt. Aber ich glaube, die Quelle des Hohns machen sie an falscher Stelle aus.
Die Wissenschaft wurde ein Bauernopfer, ein Opfer von Intrigen spinnenden Politikern, die verzweifelt nach einem Grund gesucht haben, ihren gefährlichsten Gegner zu demontieren. Sie fanden seine Dissertation. Keiner derer, die die Aufdeckung dieser Arbeit erreicht haben, wollte auch nur für seine Sekunde die Wissenschaftlichkeit in Deutschland bewahren (ebensowenig wie die Institution Familie geschützt werden sollte, als Seehofers Geliebte den Weg in die Presse fand).
Und jetzt ist die Wissenschaft auch noch dabei, sich selbst in Frage zu stellen, indem sie versucht, mit aller Macht ihre Flagge hochzuhalten. Wo ist sie denn, die ach so wissenschaftlich korrekte Arbeitsweise? Wie kann es denn sein, dass ausgerechnet Guttenbergs Doktorvater sich mehr als überrascht zeigt angesichts der in der Arbeit auftretenden Fehler? Wieso ist er von diesem Ausmaß überrascht? Hat er die Arbeit gelesen, bevor er sie mit immerhin „summa cum laude“ bewertete? Hat er sie denn wenigstens überflogen? Bei wohl etwa 70% nicht korrekt zitiertem Inhalt reicht schon „Daumenkino“ um zu bemerken, dass da Fußnoten fehlen.
Kommen wir doch nun noch zu denen, die die Sache aus einem anderen Blickwinkel sehen. Ich störe mich nicht an der Meinung oder der Position der „Guttenberg-Gegner“. Genau so, wie ich mir meine eigene Meinung vorbehalte, gestehe ich diese auch jedem anderen zu, unabhängig davon, ob ich sie teile oder nicht. Woran ich mich störe ist die Art der Meinungsäußerung.
Und hier sind meiner Meinung nach Bevölkerung und Presse weit übers Ziel hinausgeschossen. Hier wurde gezielt Propaganda-Berichterstattung betrieben, eine Hetzjagd veranstaltet. Dies war weder notwendig, noch sachgerecht. Wohin sind die Journalisten verschwunden, die zuerst ordentlich recherchieren und dann schreiben? Wann wurden sie durch die ersetzt, die Mutmaßungen, Gerüchte und Fehlinformationen als Fakten verkaufen? Wann wurde ein Tatsachenbericht zur Vorverurteilung? Was hier passiert ist, ist eine gezielte Manipulation der Öffentlichkeit.
Ich möchte hier ein Beispiel anbringen, das auf besonders anschauliche Art und Weise deutlich macht, wie in der Presse die Tatsachen verdreht wurden:
An der Universität Bayreuth gibt es zwei Möglichkeiten, als Doktorand der Rechtswissenschaften zugelassen zu werden. Die eine ist ein Examen mit mindestens der Note „vollbefriedigend“. Die zweite Möglichkeit ist ein Examen mit der Note „befriedigend“ und dazu zwei Seminarscheine bewertet mit „gut“. Betonen möchte ich, dass es sich hier um zwei reguläre Alternativen handelt, nicht um Sondergenehmigungen o.ä.
Stellvertretend für andere Medien zitiere ich hier jetzt, was die AZ aus daraus gemacht hat: (vgl hier) Es „ wurde gestern bekannt, dass der Minister nur mit einer Ausnahmegenehmigung promovieren konnte, die ihm ein CSU-naher Bayreuther Professor erteilt haben soll.“ und „ wegen seiner durchschnittlichen Examensnote „befriedigend“ (brauchte er) eine Ausnahmegenehmigung (…), um überhaupt Doktorand werden zu können. Die Genehmigung habe ihm der damalige Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, Professor Karl-Georg Loritz, erteilt, der bekennender CSU-Anhänger sei.“
Ich denke, das weiter zu kommentieren ist nicht mehr nötig, jeder der lesen kann, wird den „kleinen“ Unterschied bemerken.
Richtig traurig wird die ganze Sache aber eigentlich erst, wenn man das Niveau von Guttenbergs Ex-„Kollegen“ betrachtet, die es an niveaulosen Angriffen nicht haben mangeln lassen. Dass es auch anders geht, zeigt ein Interview mit Prof. Oliver Lepsius, dem ich an dieser Stelle meine Hochachtung aussprechen kann. Er ist fürwahr kein „Gutti-Fan“ sondern im Gegenteil entsetzt von dessen wissenschaftlichem Betrug. Dennoch hat er sich an keiner Stelle auf das Niveau diverser Politiker herabgelassen, die mit unpassenden Stammtischparolen eine Verbindung erzwingen wollten zwischen Wissenschaft und Amt und die mit teilweise unflätigen Entgleisungen grob beleidigend wurden. Statt dessen hat er auf sachliche und vor allem immer höflich bleibende Art seinen Ärger dargelegt und auch seine Zweifel an Guttenbergs Amtsfähigkeit gut überlegt und klar dargelegt (Wen’s im Wortlaut interessiert: Siehe hier).
Man mag sich fragen, warum ich noch immer nicht eingesehen habe, dass „der deutsche Obama“ sich so unglaubwürdig gemacht hat, so schändlich verhalten hat, dass man für ihn nur noch Verachtung übrig haben sollte. Nun, zum einen- mir ist bewusst, dass es keinen Menschen auf dieser Welt geben wird, der unfehlbar ist. Wenn wir uns da alle mal ganz ernsthaft an der eigenen Nase fassen, müsste nämlich jeder zugeben, dass er schon den einen oder anderen größeren Fehler in seinem Leben begangen hat, und vielleicht bei so Manchem nur das Glück hatte, dass es nie ans Licht kam. Und dann sollte man sich im Stillen die Frage stellen, ob man anhand dieses einen Fehlers in allen Lebensbereichen beurteilt werden möchte.
Und zum anderen- Karl-Theodor zu Guttenberg hat für mich nach wie vor nichts von dem eingebüßt, weshalb ich ihn als Politiker schätze, nämlich Höflichkeit, Sachlichkeit und ja, auch Anstand. Nicht einmal hat er politische Gegner auf persönlicher Ebene angegriffen, sondern immer nur auf sachlicher. Ein Verhalten das, im Lichte des Verhaltens eines großen Teils unserer Politiker in der aktuellen Debatte, einmal mehr deutlich als Ausnahme im deutschen Politikzirkus herausgestellt wurde.