Skip to content

Was mich an Pegida stört

Pegida, Legida, Kögida, Bagida… die etwas sonderbare sächsische Gruppierung hat sich inzwischen ausgeweitet. Diese Woche fand die Demo in Dresden erstmals seit Wochen nicht statt. Die Angst vor einem terroristischen Anschlag hat dazu geführt, dass die Veranstaltung verboten wurde (Zu diesem Thema wird noch ein Artikel nachkommen, das soll jetzt nicht Thema dieses Posts sein). Jetzt gab es “Legida” und die beginnende Gewalttätigkeit der Bewegung bringt mich dazu, ein wenig darüber zu sinnieren, was mich an Pegida so abstößt…

Pegida-Anhänger rufen: “Wir sind das Volk”. Ein geschichtsträchtiger Satz. Wurde damals von Bürgern der DDR gerufen. Von unterdrückten Menschen, die hinter einer Mauer richtiggehend eingesperrt waren, deren berufliches Fortkommen, persönliche Sicherheit und körperliche Unversehrtheit davon abhing, dass sie den Mund hielten über systemkritische Gedanken. Von Menschen die einfach nur mal Freiheit erleben wollten. Freiheit zu reisen, Freiheit zu denken und die Gedanken auszusprechen. Diesen Schlachtruf nützt jetzt auch Pegida. Wofür? Um Menschen “auszusperren”, die eine andere Religion haben als sie. Um Mauern zu bauen.

Noch ein Stück Geschichte.. die “Lügenpresse”. Wenn auch schon weit vorher in der Geschichte entstanden, wurde dieser Begriff populär gemacht von einem gewissen Joseph Goebbels um diejenigen zu diffamieren, die gegen das nationalsozialistische System schrieben.

Überhaupt- Nazis. Ein Gewisser Lutz Bachmann, wohl bis gestern noch der “große Kopf” von Pegida hat sich wohl zu sicher gefühlt in seiner Position und versehentlich sein wahres Gesicht gezeigt. Jetzt ist die etwas blassere Kathrin Oertel an der Spitze- weniger kriminelle Vergangenheit wie es scheint, aber genauso wenig aufmerksam damals im Geschichtsunterricht.

Wenn wir schon beim Geschichtsunterricht sind. Dort wird wohl oftmals zugunsten der ausführlichen Behandlung der Reichtskristallnacht darauf verzichtet, die Anfänge der damaligen Judenfeindlichkeit darzustellen. Anders lässt es sich nicht erklären, dass weite Teile der Bevölkerung seit Wochen hinter Pegida stehen weil die “tun ja nix”. Nicht nur Hunde greifen an, kaum dass ihr Herrchen den Satz “der will nur spielen” beendet hat. Auch die Nazis damals haben ganz harmlos angefangen. Irgendwann kam dann die Gewalt… wie gestern bei Legida. Und irgendwann wurden Juden allein wegen ihrer Religion alle schlechten Eigenschaften und Absichten der Menschheit unterstellt und prophylaktisch alle die man kriegen konnte in KZs abgekarrt. Ist diesmal bestimmt ganz anders, denn diesmal geht es ja um Moslems…

Überhaupt- die Sache mit der Religion. Islam ist schon so eine böse Sache. Da gibt es Terroristen, die sind “Islamisten”, böses Pack, gleich mal alle Moslems raus aus Deutschland. Sicher ist sicher. Gut, dass es keine kriminellen Christen gibt. Keine Vergewaltiger, keine Serienmörder, keine Schläger. Deswegen macht es auch völlig Sinn, dass man von unbescholtenen Moslems erwartet, dass sie sich jetzt öffentlich “distanzieren”. Wer sich nicht distanziert muss dazu gehören. Sollten wir generell einführen diese Praxis. Immer wenn ein Verbrechen begangen wird, muss sich die soziale “Peer-Group” davon distanzieren. Wer das versäumt, steht dann ab sofort unter Generalverdacht. Denn wenn EIN 40-jähriger Mann mit braunen Haaren aus dem Raum München durchdreht und seine Freundin absticht, dann müssen das alle anderen 40-jährigen Männer mit braunen Haaren aus dem Raum München gegen sich gelten lassen. Wir können dazu auch gleich noch eine tolle Behörde einrichten, bei der dann eine sog. “Distanzgebühr” bezahlt werden muss. Eine Art moderner Ablasshandel.

Wo wir wieder bei der Geschichte wären. Diesmal bei der christlichen. Überhaupt- Pegida ist höchst christlich. Kreuze sind allgegenwärtig, besonders schön auch ein leuchtendes schwarz-rot-golden angemaltes. Vielleicht sollte man unter allen Pegida-Mitläufern mal Bibeln verteilen. Lesen können sie ja, und ein bisschen Hintergrundlektüre, welche Art von Abendland sie da verteidigen schadet bestimmt nicht. Versönlich, einladend, rücksichtsvoll. Ja, in dem Land will ich auch leben. Aber in dem, das Pegida gerade beginnt zu kreieren- sicher nicht!

Je suis Charlie

In meinem Facebook Newsfeed ist heute folgender Artikel aufgetaucht, geliked von einem meiner Freunde: Ich bin nicht Charlie Hebdo

Die Autorin setzt sich mit durchaus vertretbaren Gedankengängen mit der Frage auseinander, wieso wir nach den Anschlägen in Frankreich alle auf einmal “Charlie” sind. Einige der genannten Punkte bedürfen der Auseinandersetzung und das werde ich vielleicht auch in den nächsten Tagen hier tun.

Jetzt geht es mir konkret um folgenden Absatz in besagtem Artikel:

Es gibt viele Arten von Humor, aber jener, der sich nur immer über vermeintliche Fehler anderer erhebt, bringt mich eben einfach nicht zum Lachen. „Charlie Hebdo“ hat zahlreiche rassistische Witze gerissen und nur allzu oft Hass als Spaß maskiert. Und wir wissen wohl alle noch vom Schulhof, dass ein Witz nicht immer nur zum Lachen gedacht ist. Oft genug ist es das Ziel eines solchen Witzes, Menschen zu verletzen. Damit kann ich mich schlicht nicht identifizieren.

Die Autorin versteht die Symbolik des allgegenwärtige “Je suis Charlie” recht offensichtlich anders als ich. Für mich ist es keine Frage dessen, ob ich mich mit den Inhalten besagter Zeitung immer oder überhaupt identifiziere, ob ich sie lustig finde, ob ich das gleiche sagen würde oder ob ich vielleicht komplett anderer Meinung bin. Ich bin nicht deswegen “Charlie”, weil ich eins zu eins das gleiche denke und fühle wie die ermordeten Zeichner.

Es geht um etwas anderes: Es geht darum, dass Menschen dafür, dass sie mit der Äußerung ihrer freien Meinung jemand anders “auf den Schlips getreten” sind (wem ist egal, ob Al-Quaida oder dem Dorfnarr von Humpfelsheim) und dieser jemand sie dafür erschossen hat. Es geht nicht darum, welche Meinung sie geäußert haben, sondern sie wurden dafür getötet, dass sie ihre Meinung geäußert haben. Und ich halte tatsächlich die freie Äußerung meiner Meinung, egal ob jemand sie teilt oder nicht, für eines der wohl wichtigsten Güter der Zivilisation. Hier waren es nach aktuellem Stand radikale Islamisten, die sich für die Betroffenheit ihres Religionsverständnisses blutig gerächt haben. Aber was ist denn, wenn morgen jeder, der auf Facebook Helene Fischer “liked” erstochen wird, weil “Atemlos” zu oft im Radio lief und sich irgendein Wahnsinniger davon gestört fühlt? Ich muss Helene nicht gut finden, um Angst vor einer solchen Gesellschaft zu haben.

Ich bin wie viele andere “Charlie”, weil ich ebenso von diesem Angriff auf die Freiheit der Meinungsäußerung betroffen bin, weil ich mir jetzt die Frage stellen muss, ob wir auf eine Welt zusteuern in der man bei jeder Meinungsäußerung Angst vor existenziellen Konsequenzen haben muss. Ich bin “Charlie”, weil ich weiterhin eine Welt will, in der jeder sagend darf was er denkt “auch wenn er garnicht denken kann”. Egal wie “dumm” oder “naiv” ich manchmal die Weltsicht anderer finde- ich greife sie mit Worten an, mit Kritik, mit meiner eigenen Meinung.

Symbolisch sind wir alle “Charlie”, denn die freie Meinung geht uns alle etwas an und wir sollten sie verteidigen, wenn wir nicht irgendwann Gefahr laufen wollen, für jeden geäußerten Gedanken tatsächlich “Charlie” zu werden und mit unserem Leben zu bezahlen.

Interessante Lektüre zum Thema freie Meinung übrigens: Georg Orwells ‘1984’

Schämt euch!!

Ich betätige mich eher selten als Wutbürger und normalerweise neige ich auch dazu, jeden Satz ausführlich zu überdenken. Aber jetzt gerade bin ich derart ausgesprochen wütend, dass ich schnell schreiben muss vor Gefahr, dass mir bald die Worte fehlen.

Meine Wut bezieht sich auf das gerade sehr präsente “Pegida”. Dieser Ausbund an rassistischer Unverschämtheit, diese Engstirnigkeit, und vor allem- diese unfassbare scheinheilige Heuchelei. Liebe christliche “Pegida-Anhänger” zu euch bleibt mir nur eines zu sagen: SCHÄMT EUCH!!!! Wie könnt ihr es eigentlich wagen ausgerechnet im Namen des Christentums einen derartigen Nächstenhass zu proklamieren? Wenn das Christentum eines ist, dann von Nächstenliebe geprägt, von Offenheit und vor allem von Unterstützung der Schwächeren. Und was macht ihr? Euch über die Kirche, die mal wirklich Arsch in der Hose hat, zu echauffieren weil die ja “gerade erst recht” dafür sein müssten???(siehe u.a. hier: Faz online vom 5.1.14) Was genau habt ihr eigentlich nicht kapiert? Ihr wollt euch Christen schimpfen??

Es geht hier nicht um die Frage ob Deutschland “ausgebeutet” wird oder welche religiöse oder spirituelle Einstellung unser “Abendland” prägt sondern es geht um die urchristliche Lehre der Unterstützung und Nächstenliebe. Wenn ihr DAS nicht begreift dann ist unser ach so christliches Abendland zwar vielleicht nicht islamisiert, aber ganz ehrlich ist mir das lieber das als diese dumme, egozentrische, scheinheilige Welt, die IHR kreieren wollt.