Zölibat und Missbrauch

In letzter Zeit lese und höre ich so viel über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, von Spekulationen über die möglichen Gründe, sich explosionsartig vermehrenden Opferzahlen und noch so manchem mehr. Selbst der “Untergang der Kirche” wird zeitweise propagiert. Ohne jetzt die Missbräuche verharmlosen zu wollen- im Gegenteil, was passiert ist, ist schlimm, die Opfer sind dadurch geprägt fürs Leben- ich halte den Großteil der aktuell geführten Diskussionen für sinnlos, schlicht und einfach deshalb, weil keiner der angeführten Gründe als tatsächlicher Auslöser manifestiert werden kann und sich deshalb allein durch eine Diskussion derart, wie sie gerade läuft ohnehin nichts ändern wird.

Im Detail:
Manch einer macht die sexuelle Revolution für die Missbrauchsfälle verantwortlich. Die Argumentation dahinter ist mir schleierhaft, deswegen will ich mich damit nicht weiter auseinandersetzen. Ich halte diese Idee für etwa so brauchbar wie die, dass ein vergewaltigtes Mädchen selbst schuld ist, weil sie eine rote Bluse getragen hat.

Interessanter ist an dieser Stelle schon die Frage, ob denn der Zölibat schuld ist an den Missbräuchen. Man mag zum Zölibat stehen, wie man möchte- es gibt so einige Gründe, warum er sinnvoll oder vielleicht vielmehr weniger sinnvoll ist (Dazu vielleicht mal ein anderer Text)- mit den Missbrauchsfällen hat er meiner Meinung nach nichts zu tun. Die Missbräuche wurden an Kindern verübt. Nicht an erwachsenen Frauen. Es geht also ganz klar um pädophile und teilweise auch sadistische Neigungen. Und ich wage schlicht und einfach zu bezweifeln, dass die Ehe eine geeignete Heilungsmöglichkeit für ebendiese Neigungen darstellt.

Was noch dazu kommt: Statistisch gesehen werden die meisten Missbräuche an Kindern innerhalb der Familie verübt, dicht gefolgt von engen Freunden und Vertrauten der Familie, von Trainern im Sportverein… keiner dieser Menschen lebt gezwungen zölibatär.

Pädophilie ist eine Krankheit, die sich völlig unabhängig vom Familienstand des Kranken entwickelt. Jetzt als scheinbare Wurzel allen Übels den Zölibat zu sehen, wird das Problem nicht lösen und letztlich wird dadurch die eigentliche Frage, der eigentliche Kern der aktuellen Diskussion in den Hintergrund gedrängt und keine Lösung gefunden für das Problem “Missbrauch von Kindern”.

Und so traurig es ist, das sagen zu müssen, aber: Für dieses Problem wird es nie eine Lösung geben. Es wird immer wieder vorkommen, in den unterschiedlichsten Organisationen, und die einzige Möglichkeit, damit umzugehen ist Wachsamkeit und ein bewusster Blick für die Leiden anderer- und hier liegt die eigentliche Ursache, dass so etwas immer und immer wieder einfach “passieren” kann: Verheimlichen, Vertuschen, Wegschauen, Ignorieren, Verharmlosen- Ehelosigkeit taucht in dieser Liste nicht auf.

Comments 5

  1. Tobias Wichtrey wrote:

    Sicher kann man nicht sagen, der Zölibat sei schuld, genausowenig wie man das über irgendwas anderes sagen kann. Jedenfalls nicht, wenn man mit “schuld sein” meint, dass der Zölibat alleine schuld sei, dass das alles nicht passiert sei, wenn es den Zölibat nicht gäbe, dass man den bösen Zölibat jetzt nur wegsperren müsste, damit alles gut wird. Oder so.

    Allerdings glaube ich auch nicht, dass der Zölibat nichts damit zu tun hat. Dazu möchte ich deine beiden Argumente aufgreifen. Du sagst, die “Missbräuche wurden an Kindern verübt. Nicht an erwachsenen Frauen.” Stimmt. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass ein Mensch mit pädophilen Neigungen, der ein erfülltes “normales” Sexualleben hat, seine pädophilen Neigungen nicht auslebt.

    Weiter sagst du, dass Kindesmissbrauch meistens von Menschen verübt wird, denen die Kinder vertrauen. Familie, Freunde der Familie, Sporttrainer. In diese Reihe passen aber auch Geistliche. Das widerlegt natürlich zwar die Behauptung, dass der Zölibat die alleinige Ursache wäre, ist aber kein Argument dafür, dass der Zölibat damit nichts zu tun hat.

    Die unglaubliche Häufung der jetzt ans Licht kommenden Missbrauchsfälle kann natürlich vor allem der bisherigen organisierten Geheimhaltung geschuldet sein. Aber ich glaube, der Zölibat spielt da auch eine gar nicht kleine Rolle.

    Posted 02 Mrz 2010 at 15:49
  2. Nini wrote:

    Es wäre schon, wenn ein erfülltes Sexualleben Pädophilie heilen könnte. Ich bin kein Arzt und auch kein Psychiater. Ich kann mich daher was mein Wissen angeht nur auf das verlassen, was ich mir über das Thema anlesen konnte. Und dieser Kenntnisstand beläuft sich darauf, dass Pädophilie mit einem erfüllten Sexleben mit einer Frau ungefähr genauso gut heilbar ist wie Krebs mit Handauflegen. Sex mit einer erwachsenen Frau ist für Männer dieser Neigung (und umgekehrt) eben genau das nicht: erfüllend- sonst wäre die Therapie einfach: regelmäßige Besuche bei einer Nutte. Ist nun mal aber leider nicht so. Und nur ganz am Rande- ich glaube nicht, dass jeder verheiratete Mann mit seinem Sexleben zufrieden ist… womit wir wieder am Anfang stünden.

    Zum zweiten Punkt: Ja, die Geistlichen passen in die Reihe der Vertrauten und der Autoritätspersonen. Keine Frage. Das sollen sie sogar. Ich stelle sie ja gerade bewusst gleich mit den nicht zölibatär lebenden Tätern. Wenn die Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit der Verübung eines Missbrauchs zumindest auf gleicher Stufe steht, ist das für mich durchaus ein Indiz dafür, dass die Möglichkeit einer Eheschließung für ein solches Verbrechen ziemlich irrelevant ist.

    Das eigentliche Problem ist die organisierte Geheimhaltung- da stimmte ich dir absolut zu. Aber auch da glaube ich nicht, dass die durch den Zölibat gefördert wird. Außer natürlich du gehst davon aus, dass vorhandene Ehefrauen aufgrund ihrer Neigung zum Tratsch die Geheimhaltungspolitik stören würden…

    Posted 02 Mrz 2010 at 16:35
  3. Tobias Wichtrey wrote:

    Ich habe nie behauptet, dass ein erfülltes Sexualleben Pädophilie heilen könne. Man sollte aber wirklich mal ein paar Ärzte und Psychiater zu dem ganzen Thema befragen. Es hängt mit Sicherheit auch damit zusammen, wie stark die Pädophilie ausgeprägt ist. Außerdem kann ich mir vorstellen, dass erzwungene, verschriebene Nuttenbesuche nicht zwangsläufig für ein erfülltes Sexualleben sorgen.

    Gibt es denn Statistiken dazu, wieviel Kinder von zölibatär lebenden Menschen missbraucht werden und wieviele von anderen?

    Nein, Geheimhaltung wird nicht durch den Zölibat gefördert. Aber deine Ehefrauen-Idee ist natürlich nicht schlecht… :D

    Posted 02 Mrz 2010 at 16:38
  4. Nini wrote:

    Es gibt mit absoluter Sicherheit jede Menge Statistiken. Und je nachdem, wer sie in Auftrag gegeben hat, werden sie unterschiedliches aussagen. Und selbst wenn man keinerlei Manipulation unterstellt sind die Statistiken schon allein deswegen ungenau, weil viele Opfer sich eher die Zunge abbeissen würden, als was zu sagen und es wiederum andere gibt, die schlicht und einfach auf den Zug aufspringen um etwas Aufmerksamkeit zu bekommen. Dann hast du noch die Ungenauigkeit dahingehend, dass mane Priester trotz Zölibat alles andere als asexuell leben während so manche auch ohne eine Erklärung dieser Art abgegeben zu haben keinerlei Sexleben haben- ich denke die Aussagekraft einer solchen Statistik liegt bei nicht-existent.

    Ich stell mir da gerade einen Gesprächskreis von Priester-Ehefrauen vor, die munter aus dem Nähkästchen plaudern, was die katholische Kirche so alles verheimlichen will… Da stellt sich nun wiederum die Frage: was macht eigentlich die Vergleichsgruppe Protestanten? Sind die alle brav oder haben die nur ne NOCH bessere Geheimhaltungspolitik namens Dezentralisation?

    Posted 02 Mrz 2010 at 17:59
  5. Tobias Wichtrey wrote:

    Naja, für Statistiken warten wir lieber, bis die Fälle in der katholischen Kirche aufgedeckt sind. Dann wird die Statistik nicht allzusehr durch die Geheimhaltung verzerrt.

    Posted 03 Mrz 2010 at 07:25

Trackbacks & Pingbacks 1

  1. From Katholische Kirche, was jetzt? | Tarphos on 02 Mrz 2010 at 16:44

    [...] und damit bin ich nicht allein.Foto von Manfred Hartmann [Update:] Zu diesem Thema siehe auch den Artikel bei Poised.Möglicherweise verwandte Artikel:Sexualität und Priesterausbildung Gestern abend habe ich auf [...]

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *